Fotografisches Identitätsporträt einer Frau an winterlicher Bushaltestelle durch Mehrfachbelichtung – Projekt Multiple Identity

Multiple Identity – Räume zwischen den Ichs

Identität ist kein fester Zustand, sondern ein Raum voller Übergänge, Widersprüche und ungelebter Möglichkeiten. In meinem dokumentarischen Fotoprojekt „Multiple Identity“ erkunde ich die flüchtige Choreografie menschlicher Selbstentwürfe – jenen fragilen Moment, in dem das Ich zwischen gesellschaftlichen Erwartungen, medialen Vorbildern und inneren Sehnsüchten oszilliert. Die Kamera wird zum stillen Beobachter jener Zwischenräume, in denen das Selbstbild niemals abgeschlossen, sondern stets im Werden begriffen ist – unabhängig vom Lebensalter.

Die Vielstimmigkeit des Selbst

Wer bin ich, wenn niemand zusieht? Diese Frage durchzieht das Projekt wie ein roter Faden. Die fotografierten Menschen zeigen sich als vielschichtige Menschen, die ihren Selbstentwurf täglich neu verhandeln, zwischen verschiedenen Rollen wechseln und multiple Ichs in sich tragen. In ihren Gesten, Blicken und Körperhaltungen manifestiert sich eine multiple Identität: Sie sind zugleich Kinder ihrer Herkunft und Architekten ihrer Zukunft, Individuen und Teil einer Gesellschaft, authentisch und performativ.

Verkäufer in italienischer Weinhandlung durch fotografische Mehrfachdarstellung

Die dokumentarische Fotografie wird hier zum Medium, das diese Vielschichtigkeit nicht auflöst, sondern sichtbar macht. Jedes Porträt ist ein Ausschnitt aus einem unabgeschlossenen Prozess – ein eingefrorener Moment zwischen verschiedenen Versionen des Selbst. Die Bilder zeigen keine abgeschlossenen Persönlichkeiten, sondern Räume zwischen den Ichs: jene liminalen Zonen, in denen Transformation stattfindet, ohne jemals vollständig vollzogen zu sein.

Identität als lebenslanger Prozess 

Multiple Identität ist kein Privileg der Jugend – sie durchzieht alle Lebensphasen. Während Jugendliche ihre Selbstwahrnehmung zwischen Kindheit und Erwachsensein verhandeln, navigieren Erwachsene zwischen beruflichen Rollen, familiären Erwartungen und persönlichen Sehnsüchten. Die Fotografie der Identität offenbart: Das Ich ist nie singular, sondern multipel – gespalten zwischen dem, was wir sind, was wir sein sollen und was wir sein könnten.

Häusliche Szene mit mehrfachen Darstellungen alltäglicher Handlungen einer Familie

Meine Aufnahmen entstehen zuhause, im Geschäft, bei der Arbeit oder auch in urbanen Räumen, die selbst Übergangszonen sind: wie zum Beispiel Bushaltestellen oder Sportstätten. Diese Orte fungieren als äußere Entsprechung der inneren Suchbewegung. Sie sind weder privat noch öffentlich, weder Heimat noch Fremde – sie sind Niemandsländer, in denen sich das Ich vorübergehend verorten kann.

Junger Basketballspieler in dynamischer Mehrfachdarstellung während des Trainings in Sporthalle

Das Projekt zeigt Menschen unterschiedlicher Generationen: Jugendliche im Prozess der Selbstfindung, die verschiedene Rollen ausprobieren und ihre Rollen zwischen Peer-Groups, Familie und Gesellschaft aushandeln. Erwachsene in Lebensphasen der Orientierung oder beruflichen Tätigkeiten – in denen die vermeintlich gefestigte Identität auch mal neu verhandelt werden muss.

Künstlerische Darstellung eines Kellners in multiplen Rollen im Restaurantambiente – Fotograf Schwerin Uwe Nölke

Die Fotografie selbst wird so zum Dokumentationsinstrument einer gesellschaftlichen Realität: Wie leben Menschen in einer Zeit, die von ihnen permanente Flexibilität und Selbstoptimierung fordert? Wie balancieren sie zwischen Authentizität und Performance, zwischen Anpassung und Widerstand – in welchem Alter auch immer?

Die stille Beobachtung

Die fotografierten Personen sind sich der Kamera bewusst, aber nicht durch sie definiert. Sie performen nicht für die Fotografie, sondern existieren mit ihr im selben Raum. Diese stille Beobachtungshaltung ermöglicht Bilder, die zwischen Nähe und Distanz changieren. Die Fotografien zeigen keine inszenierten Posen, sondern jene flüchtigen Momente der Selbstvergessenheit, in denen das Ich unverstellt sichtbar wird – und zugleich in seiner Unfassbarkeit deutlich wird. Jedes Bild ist ein Versuch, individuelle Persönlichkeiten zu kartieren, ohne sie festzuschreiben.

Mädchen beim Pferdepflegen in verschiedenen Momenten gleichzeitig festgehalten

Die dokumentarische Fotografie wird hier zum erkenntnistheoretischen Werkzeug: Sie zeigt nicht, was ist, sondern was möglich ist. Sie dokumentiert nicht Fakten, sondern Potenziale. Sie friert nicht ein, sondern öffnet Räume.

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