Multiple Identity · Räume zwischen den Ichs
Identität ist nichts Festes. Sie entsteht in Bewegung und verändert sich mit den Rollen, die wir übernehmen. In meinem Fotoprojekt „Multiple Identity“ erscheint dieselbe Person mehrfach innerhalb einer Szene. Verschiedene Momente, Handlungen und Haltungen verbinden sich zu einem Bild. So wird sichtbar, was gewöhnlich nacheinander geschieht: die Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Seiten eines Menschen.
Die Vielstimmigkeit des Selbst
Jeder Mensch trägt verschiedene Rollen in sich. Zu Hause, bei der Arbeit, im Freundeskreis oder allein treten jeweils andere Seiten hervor. Manche wählen wir bewusst, andere werden von außen an uns herangetragen. Gesten, Blicke und Körperhaltungen verändern sich, doch die Person bleibt dieselbe.
Identität in Bewegung
Die fotografische Vervielfachung ist für mich kein bloßer Effekt. Sie ist die Bildsprache des Projekts. Mehrere Versionen einer Person stehen nebeneinander und verdichten eine zeitliche Abfolge zu einem einzigen Bild. Es wird zur Bühne für Möglichkeiten, Widersprüche und leise Verschiebungen.
Diese Vielstimmigkeit begleitet uns durch alle Lebensphasen. Jugendliche probieren Möglichkeiten aus. Erwachsene bewegen sich zwischen beruflichen, familiären und persönlichen Erwartungen. Auch ein scheinbar gefestigtes Selbst bleibt offen für Veränderungen. Identität ist kein Ergebnis, sondern ein Prozess, der sich mit Erfahrungen und Entscheidungen weiterentwickelt.
Die Orte erzählen dabei mit. Wohnung, Geschäft, Restaurant, Sporthalle oder Bushaltestelle sind Räume des Alltags. Hier werden Routinen sichtbar, aber auch die Beziehungen zwischen einem Menschen und seiner Umgebung. Die mehrfach erscheinende Figur zeigt, wie unterschiedlich dieselbe Person einen Ort erleben und prägen kann.
Mehrere Augenblicke in einem Bild
Jede Szene entsteht aus mehreren Aufnahmen. Ich beobachte Bewegungen und Gesten und füge ausgewählte Momente zu einer gemeinsamen Komposition zusammen. Dadurch verändert sich das Gefühl für Zeit. Das Bild zeigt keinen einzelnen entscheidenden Moment, sondern eine kleine Folge, die gleichzeitig sichtbar wird. Innerhalb eines Rahmens entsteht eine offene Erzählung.
Die stille Beobachtung
Die Menschen wissen, dass die Kamera anwesend ist. Dennoch sollen sie keine vorgegebene Rolle spielen. Ich gebe der Situation Zeit und achte auf kleine Gesten und beiläufige Handlungen. So entstehen Porträts, die Nähe zulassen, ohne jemanden festzulegen. Jedes Bild nähert sich einer Persönlichkeit an und lässt zugleich offen, wer sie noch sein könnte.
Multiple Identity versteht Identität als einen Raum voller Möglichkeiten. Die Fotografien beantworten nicht, wer ein Mensch ist. Sie zeigen, dass eine Person vieles zugleich sein kann und immer mehr bleibt, als ein einzelnes Bild erfassen könnte.