Ein Dorf in unserer Zeit
Ein Portrait über das Dorf Klein Lüben in Brandenburg
Text von Dr. Martina Mettner, Photoconsulting und Buchautorin
Landschaft und erste Eindrücke
Es ist eine Schönheit, die am Ufer liegt. Das warme Rot der Backsteinhäuser, das kräftige Grün der Wiesen, die weißen Rinder, die am Flussufer grasen, ergeben ein idyllisches Bild. Genau solch ein hinreißendes Motiv würde man sich aussuchen, um das ideale Dorf zu illustrieren. Klein Lüben, ein Rundlingsdorf in der Westprignitz.
Ein Dorf in der Westprignitz
Karthane heißt das Flüsschen, als sei es eine antike Tragödin, dabei murmelt es nur eilig durch die Wiesen in Richtung Elbe. Die Schönheit ist Klein Lüben, ein Ortsteil von Bad Wilsnack im Nordwesten Brandenburgs. Gelegen so ungefähr in der Mitte der Bahnstrecke zwischen Hamburg und Berlin, in der Prignitz, unweit der Mündung der Havel in die Elbe. Das ganze Gebiet um Bad Wilsnack ist Teil des „Biosphärenreservat Flusslandschaft Elbe-Brandenburg“, mit anderen Worten: hier ist es richtig schön, und das kilometerweit, denn das Land ist flach, sandig, übersichtlich.
Ländliche Idylle und stille Realität
Wohnen möchte man hier schon, aber Arbeit gibt es kaum jenseits von Ackerbau und Viehzucht. „Wir vermissen hier im Dorf die Geräusche von Kindern“, sagt eine Anwohnerin, eine von 170 meist älteren Menschen, die in Klein Lüben leben. Still und menschenleer ist es auf der Straße, der Dorfkrug musste schließen, und in der Kirche findet auch nur noch einmal im Monat ein Gottesdienst statt. Beim Feuerwehrfest oder auch an den Feiertagen sind aber viele hier Verwurzelte wieder anzutreffen.
Der Fotograf und sein persönlicher Bezug
Uwe Nölke ist Business-Fotograf, das heißt, er fotografiert Menschen in Unternehmen, aber auch das Erscheinungsbild von Unternehmen, sprich Architektur. So lag für ihn 2006 die Idee ziemlich nahe, Klein Lüben und seine Einwohner zu porträtieren. Ist doch die Fotografie, verantwortungsvoll und mit Bedacht betrieben, eine wunderbare Möglichkeit, mit fremden Menschen in Kontakt zu kommen. Neugier, Entschlossenheit und ein visuelles Konzept auf Seiten des Fotografen sind dazu unabdingbar. Schon allein wegen der bekannten „Was der Bauer nicht kennt…“-Regel. Geduld zahlt sich aus.
Drei Jahre fotografische Annäherung
Insgesamt drei Jahre lang fotografierte Uwe Nölke in diesem kleinen Ort, verteilte Fotos an seine Protagonisten, gewann das Vertrauen und die Kooperationsbereitschaft seiner „Modelle“ und wurde schließlich Ehrenmitglied der Dorf-Feuerwehr ernannt. Für den gebürtigen Ostwestfalen eine besondere Auszeichnung.
Klassische Schwarzweiß-Fotografie ohne Nostalgie
Um die Zeitlosigkeit des dörflichen Lebens – den Plausch über den Gartenzaun, die Hausschlachtung, die Natur darum herum – darzustellen, entschied sich Uwe Nölke für die klassische Schwarzweiß-Fotografie. Optimal kommen die handwerklich perfekten Fotoarbeiten im großen Format der Ausstellungsabzüge zur Geltung. Klassisch sollte es sein, aber keineswegs nostalgisch. Das wäre der Situation eines Dorfes in Brandenburg heutzutage gar nicht angemessen, zumal nicht der eines Dorfes auf dem Gebiet der ehemaligen DDR in der Westprignitz.
Dorfleben zwischen Vergangenheit und Gegenwart
Die von den Klein Lübenern gemeinsam erlebte Wende samt Folgen schweißt zusammen. Auch wenn die LPGs aufgelöst und die jüngeren Leute jetzt im Westen leben: Der Wechsel der Jahreszeiten bleibt gleich und damit die Anforderungen an die Arbeit des Landwirtes. Oder sollte man den Wunsch in der Aussage des Mannes mit den zwei Fernbedienungen als leisen Zweifel an der Harmonie im Ort auffassen? „Die Klein Lübener sollten alle immer schön zusammen halten und sich gut verstehen.“ Jeder kennt jeden, nur den Fotografen noch nicht so richtig. Auf einigen Fotos strahlen die Menschen eine leicht skeptische Herzlichkeit aus.
Das Dorf als Sinnbild
Klein Lüben ist vielleicht nur ein besonders entzückendes Rundlingsdorf mit Backsteinhäusern in der Westprignitz, aber durch Uwe Nölkes Fotografien ist es auch „das Dorf“ schlechthin, mit seinen idyllischen und problematischen Seiten, den geselligen Ereignissen und den einsamen Abenden vor dem Fernseher, mit den alten Kachelöfen und modernen Menschen auf Motorrädern. Es ist das Dorf, in dem sich Historie und Gegenwart mischen. Von weitem sehen wir das Bild einer idealen Landschaft, aus der Nähe den Ort der Geborgenheit, nach dem wir uns sehnen.
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